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Die römische Auxiliarkohorte Pfünz

COHORS I BREVCORVM CIVIVM ROMANORVM EQUITATA VALERIA VICTRIX BIS TORQUATA OB VIRTVTEM APPELATA

Der Beiname "valeria victrix bis torquata ob virtutem appelata" weisst darauf hin, dass die Pfünzer Soldaten einer "siegreichen valerischen und wegen ihrer Tapferkeit zweimal mit dem Ehrenschmuck ausgezeichneten Einheit" angehörten. Aufgrund der besonderen Leistungen der Kohorte wurde sie auch mit dem römischen Bürgerrecht ausgezeichnet ("civium romanorum"). Dies war bei Auxiliartruppen, die nicht römischen Ursprungs waren, nicht selbstverständlich.

Im Jahre 75 nach Christi Geburt erreichten die römischen Legionäre unsere unmittelbare Heimat in der Nähe von Meilenhofen. Etwa 15 Jahre später verlagerte sich die Grenze des römischen Weltreiches weiter nach Norden bis zur Altmühl. Die quer zur Stoßrichtung verlaufenden Flüße waren für die Römer fast unüberwindliche Hindernisse, sodaß die römischen Grenzen oft identisch mit den Flußläufen waren.

Um 100 n. Chr. hatten die Römer endlich die Altmühl überwunden, wurden aber anscheinend von den Feinden ziemlich attackiert, denn wenige Kilometer nördlich des beschaulich dahinplätschernden Flusses bauten die Römer den Limes. Eine mit Holzpfählen und Wachtürmen besetzte Grenzlinie und schwer bewacht von römischen Soldaten. Die Strategen der römischen Militärführung legten offenbar fest, daß zur Versorgung und zum Schutz der Grenztruppen Kastelle unweit des Limes im Hinterland angelegt wurden. Um diese römischen Kasernen entwickelte sich eine entsprechende Infrastruktur zur Versorgung der Militäreinheiten. Die römischen Kastelle wurden natürlich nicht planlos in die Landschaft gesetzt, sondern in gleichmäßigen Abständen wie an einer Perlenschnur entlang des Limes aufgereiht und an strategisch günstigen Punkten aufgebaut. Der Kirchberg in Pfünz war dafür optimal geeignet. Steht man heute auf dem Kastellgelände und denkt sich die Bewaldung weg, wird einem klar, daß der Standort des Kastells Pfünz ein hervoragender Aussichtspunkt zum frühzeitigen Erkennen von feindlichen Kampfhandlungen ist. Zur schnellen Alarmierung und Nachrichtenübermittlungen wurden feste Signallinien mit entsprechenden Türmen errichtet.

Die römischen Legionäre waren in den großen Garnisonsstädten Regensburg oder Augsburg stationiert. An den Limes entsandten die Römer Hilfstruppen. Die Soldaten rekrutierten sie aus jungen Männern aus den eroberten Gebieten. So kam die Besatzung des Pfünzer Kastells aus dem heutigen Bosnien, der Name BEVCORVM deutet darauf hin. Diese Auxiliareinheiten waren also nicht römischer Abstammung, hatten aber in Pfünz aufgrund ihrer Tapferkeit das römische Bürgerrecht. Nach der Beendigung ihrer Dienstzeit wurden sie deshalb auch als römische Bürger mit allen Ehren, dem Militärdiplom, entlassen.

Bis 233 nach Christi Geburt haben die römischen Soldaten den Limes in unserer Heimat bewacht. Der Feind wurde aber zu übermächtig oder die Römer zu leichtsinnig, was fast anzunehmen ist, denn in einem Überraschungsangriff haben die Alamannen das Kastell Pfünz überfallen. Die Archäologen haben Reste von Schilden gefunden, die an der Mauer gelehnt haben und Knochen von Gefangenen, die noch in der Zelle angekettet waren. In der Zeit nach dieser Zerstörung haben die Römer auch alle Gebiete nördlich der Donau aufgegeben. Die römische Ära in unserer Heimat war damit beendet.

Woher weiß man eigentlich, dass die Zerstörung des Kastells 233 n.Chr. war und nicht etwa 235? Nun - die römischen Kaiser zeichneten sich nicht dadurch aus, dass sie lange Regierungszeiten durchhielten. Die römischen Kaiser wechselten oft, die Legislaturperioden waren entsprechend kurz. Aber jeder Kaiser prägte sein eigenes Geld, zumindest war der gerade herrschende Kaiser immer auf den Münzen abgebildet. Die Regierungszeiten sind sehr genau aufgrund der geschichtlichen Ereignisse überliefert. Im Jahre 1889 hat Dr. Friedrich Winkelmann bei seinen Ausgrabungen im Jupiter Dolichenus Tempel, südlich des Kastells 95 gut erhaltene römische Silbermünzen gefunden. Diese Denare waren sehr gut zu analysieren, die jüngste Münze wurde auf das Jahr 232 n.Chr. datiert. Jüngere Münzen wurden nicht mehr gefunden. Die Annahme, dass das Kastell zu dieser Zeit zerstört wurde, dürfte deshalb ziemlich sicher sein.

Von 233 n.Chr. bis 1880 schlummerten die Zeugnisse römischer Vergangenheit. Dr. Friedrich Winkelmann, Schloßbesitzer zu Pfünz, wurde Mitglied der Reichslimeskommision, eingesetzt von König Max II. von Bayern. Diese Kommision wurde beauftragt, den Limes und die römische Vergangenheit zu erforschen und zu dokumentieren. In Eining an der Donau wurde die Hadrians-Säule errichtet und entlang von Römerstraßen wurden Informationssteine mit erklärenden Texten aufgebaut. Einer davon steht auch in Pfünz. Streckenkommisare wurden entlang des Limes ernannt. Winkelmann war einer davon und zuständig für den Bereich um Pfünz. Im Rahmen dieses Auftrags hat Winkelmann auch das Kastell Pfünz und das Lagerdorf ab 1884 archäologisch erforscht, aufgezeichnet und damit wichtige Informationen gesammelt. Friedrich Winkelmann war ein Fanatiker, denn er hat sein Hab und Gut der römischen Forschung geopfert und verstarb völlig verarmt.

Nach 1900 verstummten die römischen Zeugen in Pfünz wieder. Die Aufzeichnungen Winkelmanns blieben aufgrund der Existenz des Historischen Vereins Eichstätt, dessen Gründungsmitglied er war, erhalten. Die Ausgrabungen wurden aber wieder zugeschüttet und z.B. das als herrlich anzusehende römische Bad in Pfünz verschwand wieder im Boden. Diese Perle der römischen Archäologie ist wahrscheinlich für immer verschwunden und niemand wird jemals wieder diese herrliche Baukunst, wie Winkelmann und seine Helfer es konnten, bewundern können.

Erst nach dem 2. Weltkrieg, nachdem die schlimmsten Ereignisse langsam in Vergessenheit gerieden, besann man sich wieder auf die römische Herkunft: 1954 hat man die Grundmauerreste der sichtbaren Haupttore notdürftig gesichert.

Mehr als 30 Jahre danach ergriff der Historische Verein Eichstätt die Initiative und begann den Wiederaufbau, die Rekonstruktion des Nordtores.

Am 30.6.1989 wurde das nach fast 2000 Jahren wieder errichtete Nordtor des Römerkastells Pfünz vom Landrat des Landkreises Eichstätt, Herrn Konrad Regler, eingeweiht. Viele geschichtlich interessierte, insbesondere Mitglieder des Historischen Vereins Eichstätt waren bei der kleinen Feier anwesend. Die Bürger von Pfünz nahmen so gut wie keinen Anteil daran; einerseits weil sie von der Veranstaltung gar nichts wußten, andererseits, weil sie dem Ereignis keine besondere Bedeutung beimaßen.

Da stand es nun, das Nordtor, die porta praetoria, in vollem Glanz aber doch ziemlich leblos. Ein paar findige Pfünzer kamen auf die Idee, das Kastell für die Pfünzer Bürger mit Leben und Identität zu erfüllen. So gibt es die ernsthaften Wissenschaftler, die gar keinen Sinn dafür haben, daß in unmittelbarer Nähe des Kastells bürgerlich gefeiert wird und es gibt die Pfünzer, die authentisch sind aber nicht wissenschaftlich. Gerade diese Mischung ist die Ursache dafür, daß Geschichte auch dem „einfachen Menschen“ Spaß macht und daß so die wichtige geschichtliche Information einer großen Masse zugänglich gemacht werden kann.

Noch im Jahre der Einweihung des Nordtores 1989 beschlossen einige Pünzer, ein Kastellfest für die Bürger von Pfünz und Umgebung zu veranstalten, sozusagen ein etwas größeres Dorffest. Innerhalb kürzester Zeit wurde alles so genial und professionell vorbereitet und geplant, daß bereits im Juli 1989 das 1. Kastellfest stattfand. Es war von vorne herein kein herkömmliches Bierfest, sondern bereits beim 1. Kastellfest wurde auf die römische Geschichte vom Angebot der Speisen bis zur Kleidung der Bedienungen, größten Wert gelegt.

Aufgrund des überraschenden Erfolgs, wurde die Durchführung des 2. Kastellfestes 1990 beschlossen. Das Jahr bis zum nächsten Fest wurde dazu benutzt, in Zusammenarbeit mit Historikern und Restauratoren, den Schuppenpanzer mitsamt der Ausrüstung zu rekonstruieren. Grundlage war der Fund von römischen Schuppen vom Kastell Pfünz. Mit einer perfekt organisierten Arbeitsverteilung wurden so 25 komplette Ausrüstungen geschaffen. Alle Gegenstände wurden möglichst authentisch aufgrund von Überlieferungen nachgebildet.

Frühzeitig ergaben sich Kontakte zu Menschen, die die römische Geschichte und das römische Leben sozusagen als Freizeitbeschäftigung nachleben. Der Rosenheimer Hans Veit gab mit seiner ihm eigenen Art entscheidende Impulse und weckte so bei dem einen oder anderen Pfünzer das Bewußtsein für das Leben des römischen Soldaten. Ebenso wichtig war zuerst die Literatur von Dr. Marcus Junkelmann und später das persönliche Kennenlernen.

Die Pfünzer Männer in den rekonstruierten Rüstungen sind nicht so geschichtsbewußt und identifizieren sich nicht so tief mit dem Leben des römischen Legionärs, wie dies bei anderen Mitgliedern römischer Legionärsgruppen in Deutschland vorzufinden ist. Aber zu Zeiten des Kastellfestes und auch bei anderen überregionalen Auftritten, tauchen auch die Pfünzer Legionäre, nicht zu vergessen die Pfünzer Zivilisten und Handwerker, ab in die römische Geschichte.

1993 fand das V. Kastellfest in Serie statt. Das Fest wurde mittlerweilen zu einem Inbegriff römischer Lebensart, militärisch wie zivil. Die Besucherzahlen bestätigen den Reiz, der in diesem Fest liegt und zeigt auch, daß die Menschen dieser Zeit auf der Suche nach ihren Wurzeln sind.

Inzwischen ist das Nordtor durch eine Kastellmauer mit dem 1992 errichteten nordwestlichen Eckturm verbunden. Das VI. Kastellfest 1995 stand ganz im Zeichen dieses Bauwerkes.

Doch nicht nur römische Bausubstanz wird in Pfünz rekonstruiert, sondern wie bereits erwähnt auch die Ausrüstung der römischen Auxiliareinheit. Die römischen Soldaten im Kastell Pfünz gehörten der 1. Kohorte der Breuker (COHORS I BREVCORVM) an. Der genaue Name war cohors I Breucorum civium Romanorum equitata valeria victrix bis torquata ob virtutem appelata.

Nachgewiesen ist der Name unter anderem in einem Inschriftenstein im westlichen Turm des Nordtores. Der Text stammt aus dem Jahre 183/184 n.Chr. und hat folgende Bedeutung:

IMP(ERATORI) CAES(ARI) M(ARCO) AVREL(IO)
COMMODO ANTO(NINO)
PIO AVG(VSTO) GERM(ANICO)
SARMATIC(O) CO(N)S(VLI) IIII
COH(ORS) I BREVC(ORVM)
SPICIO CERIALE
LEG(ATO) AVG(VSTI) PR(O) PR(AETORE)

Dem Kaiser Aurelius
Commodus Antoninus
Pius Augustus, dem Sieger über Germanen
und Sarmaten, im vierten Konsulat,
[hat] die erste Kohorte der Breuker
unter Spicius Cerialis
kaiserlichem Statthalter mit Praetorrang,
[das Kastell errichtet].

Die umfangreichen Funde Winkelmanns wurden im Museum des Historischen Vereins Eichstätt auf der Willibaldsburg eingelagert und ausgestellt. In den Kriegswirren kamen viele Exponate auf ungeklärte Weise abhanden, viele Stücke sind aber auch in Museen in München. Die heutige Sammlung ist zwar klein, aber deswegen nicht uninteressant. So ist der einmalige Fund eines römischen Vermessungsgerätes, einer Groma zu bewundern, ein römischer Eisenhelm und die Schuppe einer römischen Rüstung. Diese Schuppe war die Basis der Rekonstruktion des Pfünzer Schuppenpanzers (lorica squamata) . Aus 2200 Schuppen besteht der Panzer, aufgenäht auf Leder bietet er einen optimalen Schutz gegen die Hieb- und Stichwaffen des Feindes. Die Befestigung der Schuppen untereinander und auf der Unterlage wurde entsprechend der Lochung des Originals vorgenommen. Aus dem praktischen Einsatz ist abzuleiten, daß der Fund offensichtlich eine Schuppe einer besonders exponierten Stelle des Panzers sein muß, denn durch die intensive Verbindung ist der Panzer sehr starr und im Kampf zu unbeweglich. Ein weiteres Modell wird nötig sein, um die volle Kampftauglichkeit zu beweisen. Einige Pfünzer Soldaten tragen auch das aus 30.000 Ringen bestehende Kettenhemd (lorica hamata).

Der nachgebildete Helm (cassis oder galea) ist voll funktionsfähig. Der Nacken- und Wangenschutz ist für den Kampf optimal.

Der Pfünzer Auxiliarsoldat trägt ein römisches Kurzschwert (gladius), gut geeignet für den Deckungskampf hinter dem Ovalschild (scutum) nicht fechtend, sondern stechend. Für den Angriff in größerer Distanz steht der Speer (pilum) zur Verfügung. Im Endkampf erweist hoffentlich der Dolch (pugio) noch seinen Dienst zum Schutz des Soldaten und zur letzten Abwehr des Feindes.

Die römischen Militärschuhe (caligae) wurden von den Pfünzer Soldaten ebenso selbst gefertigt wie die übrige Ausrüstung. Diese Sandale geht zurück auf Funde in archäologisch ergrabenen römischen Brunnen. Das Leder hat sich darin erhalten und der Schnitt ist damit leicht ableitbar. Marcus Junkelmann hat die Tauglichkeit über lange Strecken in seinen archäologischen Experimenten nachgewiesen.

Neben der persönlichen Ausrüstung haben die Pfünzer Soldaten auch römische Großwaffen nachgebaut. So entstand 1992 ein römisches Wurfgeschütz, der Onager. Später, 1995 und 1996, wurden insgesamt drei Pfeilgeschütze (scorpio) nachgebaut. Alle Geschütze sind voll funktionsfähig.

Zur Ausrüstung der Gruppe gehört auch ein komplett eingerichtetes Militärlager mit Zelt und entsprechenden Gegenständen zur Bereitung von Speisen. Insbesondere haben sich die Pfünzer Frauen auf die Zubereitung des Legionärsbrotes (panis militaris) spezialisiert. Bei jedem römischen Fest findet dieses wohlschmeckende Vollkornbrot, ganz im Trend der modernen Zeit, reisenden Absatz. Das Lager wird mit einer Vielzahl von Schanzpfählen (heute) vor dem Besucheranstrum geschützt.

Zu jedem römischen Kastell gehörte ein Lagerdorf in dem Zivilisten wohnten und die Soldaten mit allen Gegenständen des täglichen Lebens versorgten. Es waren vornehmlich Handwerker, wie Schmiede, Schuster, Töpfer. Dem rekonstruierten Lager der Auxiliargruppe Pfünz gehört ebenfalls ein Handwerkerstamm aus einem Töpfer, einem Zimmermann, einem Schuster und einem Drechsler an.

Nachdem Pfünz der nach Pompeij einzige Fundort einer Groma ist, wird im Lager die Funktionsweise dieses römischen Vermessungsgerätes gezeigt. Ebenso interessant und verblüffend zugleich ist, wie die römischen Landvermesser die geographische Ost-/Westrichtung bestimmt haben.

Das vorerst letzte Kastellfest, das VII. Kastellfest, fand 1997 statt. Beim I. Kastellfest 1989 fanden sich einige wenige Idealisten ein, die die römische Geschichte im Experiment erleben wollten. Sie waren begeistert, ihre Ausrüstungen und auch ihre Einstellung und Lebensart, einem begeisterten Publikum zeigen und mitteilen zu dürfen. Es waren erst wenige organisierte Gruppen dieser Art in Deutschland zu finden. Ohne überheblich zu sein, darf man doch feststellen, dass erst durch die sieben Kastellfeste in Pfünz eine Plattform geschaffen wurde, die immer mehr römische Experimentalgruppen aus ganz Deutschland und dem europäischen Ausland anzog. Leider hat sich inzwischen die römische Szene zu einem komerziellen Faktor entwickelt. Das finanzielle Risiko ist für einen kleinen Heimatverein in dieser Situation nicht tragbar. Mit einer einzigen, alleine durch das schlechte Wetter misslungenen Veranstaltung kann der Verein liquitiert und der Vorstand in die persönliche Haftung genommen werden. Es bleibt die Hoffnung, dass der Idealismus wieder in den Vordergrund rückt.

© H.Drieger Heimatverein Vetoniana Pfünz e.V. 2003