Eberlestein Bei der Aufnahme der Schrift

(von Josef Auer)

Juni 1998

Vor wenigen Wochen haben wir einen Gedenkstein wiederentdeckt. Er steht zwischen Pfünz und Landershofen, genauer nach dem Trafohaus und vor dem Hermannstal-Weg nach Buchenhüll - dort wo die Buschreihe beginnt. Vermutlich hat ihn schon mancher beim Vorbeifahren - besonders mit dem Fahrrad - gesehen. Aber wer hat sich schon die Mühe gemacht, anzuhalten oder abzusteigen, um die verwitterte kaum mehr lesbare Schrift zu entziffern?

Tatsächlich erkennt man nur bei genauerem Hinsehen, daß in den Stein eine Schrift eingemeißelt ist. Aber die Oberfläche des Steines ist rauh, und die gemeißelten Vertiefungen der Buchstaben heben sich nur schwerlich von der Umgebung ab. Wie kann man eine dermaßen verwitterte Schrift entziffern? Nun - beim Lesen der ebenfalls fast unkenntlichen Schrift der Schneller-Tafel an der Südseite der Kirche haben wir gelernt, daß der Lichteinfall eine große Rolle spielt. Bei voller Sonneneinstrahlung wirkt der ganze Stein einfach nur hell mit unregelmäßiger Oberfläche. Bei schrägem Lichteinfall entstehen Schatten an den Kanten der Buchstaben. Wir haben zusätzlich nachgeholfen und bei Dämmerung mit künstlichem Licht gearbeitet. Beim ersten Versuch war es zu hell und die benutzte Taschenlampe war zu schwach. Beim 2. Versuch war es schon dunkler und einige Worte konnten entziffert werden: “ ... Johann Eberle von Pfünz vom Pferd ... ”
Zusätzlich wurde die Schrift mit einer Digitalkamera aufgenommen und die Bilder wurden in den Computer übertragen. Unser fast fertiges Ortsfamilienbuch wurde als erstes befragt; über die Pfünzer Familie Eberle finden wir folgendes: Da gab es einen Großvater Johann Eberle; dieser starb am 15.3.1841 an Abzehrung - also eines natürlichen Todes; daher kam er eigentlich von vornherein nicht in Frage. Er hatte zwei Söhne, Joseph und Johann. Letzterer war in Landershofen verheiratet, über ihn wissen wir nur wenig. Der Sohn Joseph hatte 9 Kinder, darunter Johann; er wurde geboren am 21.1.1848 und starb am 19.12.1856 (beerdigt 22.12.). Der Eintrag in der Sterbematrikel lautet: “durch Kopfverletzung mit plötzlich erfolgtem Tod; der Knabe wurde von einem scheu gewordenen Pferde, welches er ritt, herabgeworfen und vom Wagen überfahren”. Mit diesen Erkenntnissen gewappnet, gingen wir daran, die im Computer gespeicherten Bilder mittels Grafikprogrammen zu bearbeiten. Kontrast, Graustufen, Negativdarstellung wurden verändert - und plötzlich wird die Schrift deutlicher. Nun kann zumindest die erste Hälfte schon recht gut entziffert werden.
Ein neuer Nachttermin, diesmal mit einer starken Handlampe der Feuerwehr und mit Stativ bewaffnet, wird angesetzt. Und wirklich: bei extrem seitlicher Beleuchtung - einmal von links und einmal von rechts - gibt der Stein endlich sein Geheimnis preis und die Schrift tritt deutlich hervor. Lediglich die vermeintlich letzte Zeile ist zu stark verwittert; wir gehen mit der Kamera nahe ran - und entdecken dabei, daß auf dem unteren Sockel eine allerletzte Zeile steht, die wir wieder lesen können. Sicherheitshalber fotografieren wir alles digital. Bei der Betrachtung am Computerbildschirm, mit etwas Bildmanipulation und nicht zuletzt mit etwas Phantasie - was müßte denn eigentlich an dieser Stelle sinngemäß stehen? - wird auch die vorletzte Zeile entziffert.